Mediatisierung des Sports: Wie Medien den Sport verändern

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Sport, Medien und Wirtschaft stehen in einem sensiblen Abhängigkeitsverhältnis zueinander. Jeder Akteur ist auf die anderen angewiesen. In diesem Blogbeitrag beschäftige ich mich mit der Mediatisierung des Sports. Was unternehmen Verbände, um attraktiver für die Medien zu werden, welche Folgen hat das und wie sind diese Folgen zu bewerten? Die Antworten gibts hier!

Wie arbeiten Medien?

Art. 5, Abs. 1 Satz 2 des Grundgesetzes beschreibt die sog. „Staatsferne der Presse“. Damit ist gemeint, dass es dem Staat und somit auch jeder Kommune verboten ist, durch Verbreitung eigener Presseerzeugnisse in Konkurrenz mit privaten Verlagen zu treten. Bei den Medien handelt es sich also folglich nicht um staatliche Organe, sondern um Unternehmen, die nach dem ökonomischen Prinzip der Gewinnmaximierung handeln. In der Praxis äußert sich das so, dass sie so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf ihre Berichterstattung ziehen wollen. 

Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte zeigt dabei einen klaren Trend. Inhalte, wie z.B. Sport, werden nicht einfach nur übertragen, sondern selbst produziert. Show-Formate, Hintergrund-Berichte, Statistiken und vieles mehr sollen das Gesamterlebnis für den Rezipienten abrunden. Man kann sagen, dass der Fokus zwar noch auf dem sportlichen Ereignis selbst liegt, aber das „Drumherum“ zunehmend an Bedeutung gewinnt. Dieser Prozess ist Teil der Mediatisierung des Sports.

Wie geht der Sport damit um?

Der Sport steht in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Politik und Wirtschaft. Alles, was die beiden Akteure in den Sport investieren, zahlt der Sport ihnen in Form von Medienresonanz zurück. Welche Sportarten sie mit ihrem Wohlwollen und Engagement begünstigen, steht theoretisch komplett frei zur Wahl – so lange sie ihren medialen Kick-Back erhalten. Praktisch sieht dieser mediale Kick-Back in den unterschiedlichen Sportarten allerdings höchst unterschiedlich aus. Deshalb platzieren die Akteure ihr Engagement häufig bei einem der Big-Player am Sportmarkt.

Die USP´s des Sports

Aber was genau macht den Sport eigentlich so attraktiv für die Medien? Immerhin ist seine Konkurrenz niemand Geringeres als Serien, Dokumentationen, Hollywood Blockbuster, Comedy oder Shows. Alles, was nur einen Klick weit entfernt ist. Was den Zuschauer trotz des großen Alternativprogramms beim Sport hält, ist unter anderem die Einmaligkeit des Events und seine Ergebnisoffenheit. Ein Handballspiel zum Beispiel passiert live. Niemand weiß, wie es verlaufen wird, welche Highlights es bietet oder geschweige denn, wer als Sieger vom Platz gehen wird. Reproduzierbar, wie eine Comedy-Show oder ein Konzert, ist es auch nicht. Zudem bietet der Sport durch seine Ligasysteme eine Fortsetzungsgeschichte, wie eine Serie. Dies erzeugt zusätzliche Spannung und lässt den Zuschauer am Ball bleiben.

Der Sport ist wegen seiner USP´s besonders stark von der Mediatisierung betroffen.

Wett-Buhlen der Sportarten

Dabei kann man zwischen verschiedenen Sportarten ein Wett-Buhlen um die Gunst der Medien beobachten. Jede Sportart will sich bestmöglich und zeitgemäß inszenieren und ein möglichst medienwirksames Produkt an den Markt bringen, das sich nicht nur gegen andere TV-Formate, sondern auch gegen andere Sportarten behaupten kann. Es entsteht ein Wettrennen in der Mediatisierung der einzelnen Sportarten.

Die Gunst der Medien bringt nicht nur eine breitere Akzeptanz bei der Bevölkerung mit sich, sondern auch nicht unerhebliche monetäre Werte. Deshalb will der Sport es den Medien so recht wie möglich machen. Kamerapositionen, Perspektiven, Bandenwerbung – alles genau definiert und für die Medien optimiert.

Aber auch das Abseits des Spielfelds wird zunehmend wichtiger in diesem Wettstreit. Die Geschichten, die im Hintergrund passieren, sind ein elementarer Bestandteil der Mediatisierung. Sportberichterstattung beinhaltet eben nicht mehr nur noch Sport. Sportberichterstattung bedeutet heute auch People, Boulevard, Skandale und Gerüchte.

Vor der sportlichen Berichterstattung selbst macht die Entwicklung auch keinen halt. Die technologische Innovation erweitert das Sport-Erlebnis um Drohnen-Bilder, Grafiken, Abstands- und Geschwindigkeitsmessungen. In der Formel-E gibt es sogar sportlich relevante Bonus-Abschnitte, die dem Fahrzeug temporär mehr Leistung bringen.

Bei der Mediatisierung liefern die Sportarten sich ein Wettrennen.

Einfluss der Mediatisierung auf die Venues

Der Einfluss der Mediatisierung hat nicht zuletzt auch einen großen Einfluss auf die Bauweise der Venues. Dazu ein paar plakative Beispiele:

  • Olympia-Stadion München: Das für die Olympischen Spiele 1972 errichtete Stadion im Münchener Olympia-Park verfügt über ein weltbekanntes Glasdach. Was auf den ersten Blick imposant und innovativ aussieht, lässt sich auf Gründe zurückführen, die mit der Mediatisierung zusammenhängen. Das berühmte Glasdach sorgt nicht nur dafür, dass 2/3 der Zuschauer vor Ort ggf. im Regen sitzen, sondern ist auch dafür verantwortlich, dass es auf der Wettkampffläche zu einem Wechselspiel aus Schatten und Sonne kommen würde – wenn das Dach nicht aus Glas und damit sonnendurchlässig wäre. 1972 war die Technik in den Kameras noch nicht so weit, dass sie den Sprung von Schatten auf Sonne innerhalb kürzester Zeit technisch hätten korrigieren können. Die Zuschauer vor dem TV hätten Schwierigkeiten gehabt, der Übertragung zu folgen. Durch das Glasdach entfällt das Wechselspiel aus Sonne und Schatten und die Kameras hatten keine Probleme, die Wettkämpfe bestmöglich zu übertragen.
  • Hockenheim-Ring: Beim Motor-Sport liegt die Herausforderung bei der Übertragung darin, dass alle Teile der Rennstrecke mit Kameras versorgt sind. Das hat den Zweck, dass der Zuschauer jedes Überholmanöver aus dem bestmöglichen Winkel und im Optimalfall mit allen relevanten Details verfolgen kann. Bei der Modernisierung des Hockenheim-Rings wurde deshalb die Streckenlänge von 6,8km auf 4,5km angepasst. Die Rennstrecke wurde damit wesentlich attraktiver zur medialen Inszenierung, da eine Verringerung der Streckenlänge eine wesentlich bessere und kostengünstigere Versorgung mit Kameras mit sich bringt.

Allgegenwärtige Mediatisierung in Venues

Neben diesen beiden Fallbeispielen gibt es unzählige Bestandteile, die alle Venues schon seit Jahrzehnten in ihrer Bauweise prägen. PR-Bereiche, Mixed-Zones, Kamera-Posten, Arbeitsplätze für die schreibende Presse – moderne Arenen sind übergroße Sendezentralen mit dem einzigen Ziel, es den berichtenden Medien für eine größtmögliche Reichweite so bequem wie möglich zu machen.

Auch die Tatsache, dass immer mehr Stadien nach englischem Vorbild die Tribüne immer näher an den Spielfeldrand heran bauen, ist keinesfalls nur dem besseren Zuschauer-Erlebnis vor Ort geschuldet. Auf den TV-Geräten Zuhause soll mehr Stimmung entstehen und das Publikum vor den Endgeräten mehr mitnehmen. Sie sollen sich „mittendrin statt nur dabei“ fühlen.

Einfluss der Mediatisierung auf die Regeln

Wenn man sich noch nie näher mit dem Thema beschäftigt hat, scheint die Vorstellung fast surreal: Sportarten verändern ihr Regelwerk, um attraktiver für die Medien zu werden? Die Regeln, also den sportlichen Kern, anzupassen, muss sich für den Sport ein bisschen so anfühlen, wie seine Seele zu verkaufen. Genau das ist der Grund, warum kein Verband der Welt offiziell als Beweggrund für eine Regelanpassung angeben würde, dass er attraktiver für die Medien werden will, um sich besser zu vermarkten und am Ende des Tages mehr Geld in der eigenen Tasche zu haben. Die folgenden Beispiele sind das Ergebnis meiner Recherche nach Anpassungen, die eine Übertragung in den Medien begünstigen und den Sport für die Medien attraktiver machen – natürlich kann der Verband mit den Anpassungen auch andere Ziele verfolgt haben.

180°-Wende im Cricket

Eines der anschaulichsten Beispiele für eine umfassende Mediatisierung findet sich im Cricket. Cricket mag in Europa nicht zu den populärsten Sportarten gehören. In den meisten Mitgliedsstaaten der Commonwealth of Nations gilt Cricket aber als Volkssport: Indien, Australien, Pakistan oder Bangladesch sind Beispiele für Nationen, in denen die Sportart so verbreitet und allgegenwärtig ist, wie der Fußball in Deutschland. Die Ursprünge des Cricket führen bis ins 13. Jahrhundert zurück. 

Was Jahrhunderte lang mit viel Tradition weitergegeben und behütet wurde, erfuhr 1990 einen bezeichnenden Umbruch: Mit der Einführung des Twenty20 Cricket wurde die Dauer der Begegnungen auf ein Zeitlimit von drei Stunden (vorher circa 5 Tage!!!) beschränkt und ein Großteil der Regeln angepasst. 

Der Cricket-Sport ist besonders stark von der Mediatisierung betroffen.

Umschwung durch Mediatisierung

Der Sport wurde schlagartig hochinteressant für Medien – schließlich warten zig Millionen Menschen weltweit förmlich darauf, den besten Spielern in ihrer Lieblingssportart, die sie vielleicht schon seit vielen Jahren selbst ausüben, zusehen zu können. Was vorher mit einer fünf-tägigen Übertragung undenkbar war, stellt plötzlich für Medien und Wirtschaft einen völlig neuen Markt dar. Die logische Folge: eine schlagartige Ausbreitung an Clubs und Ligen auf der ganzen Welt.

An der Spitze: die Board of Control for Cricket India (BCCI) als Kontrollgremium für Cricket in Indien – dem Land mit der größten Liga, der Indian Premier League (IPL), die 2018 immerhin auf einen Gesamtumsatz von 644 Mio. Euro kam.

Initiator und Ideengeber dieses einschneidenden Change-Prozesses war Lalit Modi als Vorsitzender der IPL. Durch sein Umdenken hat sich der Sport stark eventisiert. Cheerleading, Showacts, Stars, Lasershows und Livemusik haben zwar nicht mehr viel mit dem Cricket aus dem 13. Jahrhundert zu tun, sorgen aber für eine enorme Medienresonanz, Millionengehälter bei Spielern und deutlich größere Einnahmen im Sponsoring. Der beliebteste Breitensport in vielen einwohnerstarken Gegenden der Welt ist plötzlich medientauglich geworden und genießt die Vorteile, die diese Entwicklung mit sich bringt.

König Fußball beugt sich der Mediatisierung

Man mag dem Fußball so viel Macht und Geld zusprechen, wie man will. Aber auch in dieser in vielen Hinsichten dominanten Sportart gibt es eine ganze Reihe von Anpassungen im Regelwerk, die den Sport deutlich attraktiver für eine Übertragung in den Medien machen. Hier ein Auszug seit 1980:

  • Direkter Platzverweis bei groben Fouls (1983), Fouls von hinten (1998) und unsportlichen Gesten (2000). Grund: Der Sport soll in den Medien positiv inszeniert werden, also bestraft man die Spieler, die sich nicht wie gewünscht verhalten, härter
  • Verzögerungen (2006) werden mit Gelb geahndet. Grund: Der Zuschauer will mehr sportlichen Wettkampf sehen, also wollen die Medien auch mehr sportlichen Wettkampf zeigen.
  • Gelb für Trikot-Jubel (2004): bis dato waren die entblößten Oberkörper der Spieler noch eine beliebte Fläche für politische Botschaften. In vielen Staaten, die die Spiele übertragen (sollen), werden politische Botschaften jedoch stark zensiert und sind unerwünscht. Außerdem dauert das An- und Ausziehen des Trikots lange und verzögert den Wiederbeginn des Spiels.
  • Das Rückpass-Verbot (1992), der Einsatz von „Balljungs“ (1996) und das Verbot, ärztliche Behandlungen auf dem Feld durchzuführen, sind ebenfalls Beispiele dafür, mit welchen Maßnahmen die Netto-Spielzeit signifikant erhöht werden konnte und damit interessanter für die Medien wird.

Minimierung der Netto Spielzeit

Heute beträgt die Netto-Spielzeit in einem Fußballspiel mehr als 50 Minuten – das ist mehr denn je. 

Der Grund für die Erhöhung der Netto-Spielzeit ist leicht verständlich. Ist ein Spiel unterbrochen, ist der Zuschauer eher dazu geneigt, den Sender zu wechseln. Mit dem Umschalten besteht das Risiko, dass er auf einem anderen Sender hängenbleibt und nicht mehr zurückschaltet – ein Vorgang der alles andere als im Sinne der Medien ist, die um jeden Zuschauer mit viel Mühe und hohen Investitionen kämpfen. Besonders bezeichnend ist der Umstand, dass die Dauer von Unterbrechungen vor entscheidenden Situationen statistisch gestiegen ist (z.B. durch Einführung des Video-Refs) und gleichzeitig die Gesamtlänge der Unterbrechungen signifikant zurückgeht.

All-In-Paket für die Medien

Was mir bei meiner Recherche aufgefallen ist: es gibt unzählige Beispiele aus nahezu jeder Sportart, die man auf eine optimierte Medientauglichkeit zurückführen kann. Neben den beiden Parade-Beispielen Cricket und Fußball haben zahlreiche andere Sportarten in den letzten Jahren mitgezogen, um es den Medien möglichst recht zu machen:

Im Beachvolleyball tut man alles, um es den Sportlern möglichst schwer zu machen: Durch die Vertiefung des Sandbodens können die Sportlerinnen und Sportler nicht mehr so hoch springen und weniger effektiv schmettern, was zu längeren Ballwechseln führt. Außerdem sind die Bälle größer geworden und weisen einen geringeren Innendruck auf, was zur Folge hat, dass sie langsamer, für den Zuschauer besser zu sehen und für den Spieler besser zu verteidigen sind. Man hat sogar die Richtlinien zur knappen Bekleidung gelockert – schließlich können jetzt auch Länder, in denen Haut Zeigen verpönt ist, ebenfalls an dem Sport partizipieren.

Weiter gehts in der Leichtathletik: Laserpistolen ersetzen im Fünfkampf die Kleinkaliber-Waffen. Somit geht ein Schuss nicht einfach nur daneben, sondern der Zuschauer erhält unmittelbares Feedback darüber, wo der Schuss gelandet ist. Das ist Entertainment!

Auch, wenn es noch viele weitere Beispiele für Regeländerungen zugunsten der Übertragung gibt, soll hier mal Schluss sein. Stattdessen möchte ich noch weitere, interessante Entwicklungen, wie zum Beispiel die Startzeiten von Events, unter die Lupe nehmen.

Von Primetime zu Everytime

Natürlich macht die Jagd nach Einschaltquoten auch vor den Anstoß-Zeiten keinen Halt. 

In der spanischen La Liga werden nur in absoluten Ausnahmefällen Spiele gleichzeitig angepfiffen. Natürlich, damit jedes Spiel in voller Länge übertragen werden kann. Im Fußball hat das in erster Linie Auswirkungen auf die Fans, die ihren Clubs hinterher reisen und die Spiele live verfolgen. Wer im schlimmsten Fall an einem Wochentag noch eine stundenlange Heimfahrt zu später Stunde vor sich hat, ist auf jeden Fall auf viel Flexibilität seines Arbeitgebers angewiesen. Sonst wird´s schwer mit der großen Leidenschaft Auswärtsspiel. Positiv für den treuen Inner-Circle der Fans ist diese Entwicklung jedenfalls nicht.

Richtig spannend wird der Kampf um die Anstoßzeiten aber erst, wenn sie Auswirkungen auf den sportlichen Wettbewerb haben. 2016 wurde der Berlin Marathon erstmals auf der ARD übertragen. Vorgabe des öffentlich rechtlichen Senders war, dass der Startschuss schon um 08:45 Uhr fallen muss. Für die Vorbereitungen eines Marathonläufers eine absolute Katastrophe. Schlaf, Kohlenhydratspeicher und Wasseraufnahme müssen optimiert und aufeinander abgestimmt sein. Wer um kurz vor 9 an der richtigen Stelle im Starterfeld stehen will und sich gleichzeitig aufwändig auf den Wettkampf vorbereiten muss, der muss halt mitten in der Nacht aufstehen. So starten die Athleten schon unausgeruht in den kräftezehrenden Wettkampf. Sportliche Rekorde? Fehlanzeige. Top-Einschaltquoten? Check!

Einfluss der Mediatisierung auf das Rahmenprogramm

Der reine sportliche Wettkampf spricht die Fans einer Sportart an und bringt sie dazu, die Berichterstattung zu verfolgen. Aber wie bringt man den Rest dazu, den Blockbuster gegen Sport zu tauschen?

Ein geschickter Schachzug der Medienunternehmen ist es, den Fokus neben dem sportlichen Geschehen auch auf andere Bereiche zu legen. Mit einem aufwändigen Rahmenprogramm sollen neue Zielgruppen erschlossen werden. Best practice: Die aufwändige und spektakuläre Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele, die erfahrungsgemäß bessere Einschaltquoten als die Spitzen-Disziplinen Schwimmen, Turnen und Leichtathletik hat.

Idealerweise spricht man mit dem Rahmenprogramm Zuschauer (oder Zuschauerinnen…) an, die wegen des sportlichen Wettkampfes alleine niemals zugeschaltet hätten. Für sie ist der Sport die Nebensache und die Super-Bowl-Halbzeitshow von Beyoncé das Highlight des Abends. Durch diese Diversifizierung des Produkts erweitert man die Zielgruppe. Theoretisch genial.

Trail & Error beim DFB

Dass das Ganze auch so richtig nach hinten losgehen kann, wissen wir seit der Halbzeit-Show des DFB Pokalfinals 2017, in dem der DFB es für klug hielt, Helene Fischer im ausverkauften Berliner Olympia-Stadion auftreten zu lassen. Sowohl die Dortmunder als auch die Frankfurter Fans pfiffen die Schlagersängerin so sehr aus, dass man sie im Stadion de facto nicht mehr hören konnte. Auch bei der Übertragung auf die heimischen Endgeräte war das „Konzert neben dem Konzert“ nicht zu überhören und wird wohl so manchen Helene-Fan ordentlich enttäuscht haben.

Neben Halbzeit-Shows nimmt auch die Hintergrundberichterstattung im Boulevard- und People-Bereich einen immer größeren Stellenwert ein. Athleten sind mehr, als nur Sportler. Sie sind Personen des öffentlichen Lebens, haben millionenschwere Werbeverträge und sind Influencer per excellence. 

Der aus den USA kommende Trend der Glorifizierung von einzelnen Persönlichkeiten äußert sich besonders in der in Deutschland immer beliebter werdenden MVP-Ehrung einzelner Spieler. Nicht mehr die Mannschaft gewinnt ein Spiel, sondern einzelne Persönlichkeiten werden gefeiert.

Pluralität der Streaming-Dienste als neue Chance

Bisher ging es für Randsportarten darum, irgendwie einen der begehrten Sendeplätze bei einem TV-Sender zu bekommen. Dafür haben die Sportarten sich ziemlich verbogen und in den verschiedensten Bereichen stark angepasst. Aber muss es wirklich der Fernseher als Übertragungsmedium sein? 

Im Internet können die Medien dank des Multi-Channel-Systems auch vermeintliche Randsportarten streamen und die Reichweiten ihrer Nischen abgrasen. Kumuliert ergeben 10 Streams aus kleineren Randsportarten vielleicht so viel, wie eine Übertragung einer der Big-Five Ligen. Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist. Best practice: www.sportdeutschland.tv.

Weniger Streuverluste durch zielgruppenorientierte Werbung

Ein weiterer Vorteil des Multi-Channel-Systems von Online Streaming Anbietern: Die Werbe-Partnerschaften lassen sich sehr zielgruppengerecht steuern. 

Soll bedeuten: Verschiedene Sportarten ziehen verschiedene Fans an. Der durchschnittliche Golf-Fan weist im Schnitt andere demographische Spezifika und ein anderes Kaufverhalten auf, als der durchschnittliche Fußball-Fan. Das können sich Werbetreibende zu Nutze machen und mit deutlich weniger Streuverlust ihre Werbung platzieren. 

Diesen Bonus an Qualität können die Medien sich entsprechend vergüten lassen und auch mit weniger Reichweite deutliche Mehreinnahmen erzielen. So können sie ihren ökonomischen Prinzipien folgen und gleichzeitig Randsportarten übertragen.

Gewinner und Verlierer der Mediatisierung

Was hätte das für Folgen? Die großen Gewinner dieses Umdenkens sind neben den Werbetreibenden und den Medien vor allem die Randsportarten, denen plötzlich eine große Plattform geboten wird und deren Fans weltweit die Wettkämpfe verfolgen können. 

Die zusätzlichen Einnahmen könnten die Verbände in ihre Professionalisierung stecken, bessere Lebens- und Trainingsbedingungen für ihre Athleten schaffen und ihre Vereine unterstützen. Wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer. Diese kommen aus den Liegen, die bisher die Medienwelt dominiert haben. Die Nachfrage an Sport in den Medien ist in gewissen Maßen begrenzt. Durch die Erweiterung des Angebots werden nun einige Sport-Fans, die vorher eine der großen Ligen verfolgt haben, zu einer Randsportart wechseln. Das bedeutet geringere Einschaltquoten und somit auch weniger Sponsoring-Gelder für die Big-Player. Das Interesse der Rezipienten wird also etwas umverteilt und auf die Nischen erweitert. 

Natürlich wird diese Entwicklung Fußball und Co kurz- und mittelfristig nicht merklich treffen. Langfristig stellt es sie aber vor Herausforderungen, die eigentlich schon längst überfällig sind. Ist das Schönste am Sport nicht grade seine Vielfalt und sollte nicht jede Sportart die Chance bekommen, sich ihren Fans von einer professionellen Seite zu zeigen und ihren Top-Athleten professionelle Trainings- und Wettkampfmöglichkeiten zu bieten? Ich denke schon. Und ich denke auch, dass die Medien mit den modernen Möglichkeiten des Internets dazu einen entscheidenden Teil beitragen können und durch den beschriebenen Vorteil der verringerten Streuverluste sogar monetär von diesem Schritt profitieren können.

Neue Stars und weniger Authentizität

Eine steigende Vielfalt im Sportangebot der Medien hätte zur Folge, dass Randsportarten die Entwicklung durchmachen, die bei den großen Playern heute schon zu sehen ist. Durch die moderne Art der Berichterstattung würden auch in Randsportarten die sportlichen Inhalte nicht mehr alleine im Fokus stehen. Das Interesse für Boulevard, Transfers, Gerüchte, MVP´s und Heldentum einzelner Persönlichkeiten wäre sportartenübergreifend wahrnehmbar.

Das Endprodukt wäre ein unüberblickbarer Markt aus unzählig vielen Ronaldos und Beckhams, die sich mit Werbeverträgen etwas dazuverdienen möchten. Den bislang bodenständigen Top-Athleten aus Randsportarten droht damit der Verlust einer ihrer wichtigsten USP´s: Ihrer Authentizität. Für viele Zuschauer und Fans ist diese Authentizität der wichtigste Grund, den Werdegang der einzelnen Sportlern bzw. der ganzen Sportart zu verfolgen. 

Allgemeiner gesprochen: Der Sport verkörpert eine Vielzahl ethisch-moralischer Werte, die nur sehr schwer mit Kommerzialisierung unter einen Hut zu bringen sind. Wenn diese Werte immer mehr in den Hintergrund geraten, wäre das eine sehr traurige Entwicklung, die kein Sport-Fan der Welt als positiv empfinden wird. Niemand behauptet, dass jede Sportart und jeder Sportler aufgrund der Mediatisierung von dieser Entwicklung betroffen sein wird – aber die Gefahr besteht.

Professionalisierung auf ganzer Breite

Die Mediatisierung mit ihren monetären Vorteilen bringt aber auch mit sich, dass Strukturen und Abläufe in Verbänden, Ligen, Vereinen und Wettkämpfen überdacht werden müssen. Vieles wird nicht mehr durch ehrenamtliche Mitarbeiter, die heute das Fundament vieler Randsportarten sind, abzudecken sein. Professionalisierung bedeutet Marketing, Vereinheitlichung und Kommerz. Es würden neue Arbeitsplätze in wachsenden Clubs entstehen, deren Aufgabe es sein wird, die neuen Aufgaben zu bewältigen. Die Branche würde wachsen.

Gefahr der Bezahl-Schranke

Aktuell ist die Mediatisierung von Randsportarten noch nicht so weit, dass Branchen-Riesen wie SKY oder DAZN auf die Idee kämen, Geld für ihre Übertragungsrechte auszugeben. Sollte sich die Medienlandschaft im Sport aber wie oben beschrieben so einschneidend anpassen, droht die Gefahr, dass die Big Player von den neuen Geschäftsfeldern Wind bekommen und sich mit ihren Millionen-Budgets Exklusivrechte der Übertragung sichern.

Für die Verbände und Clubs wäre dieser Step einerseits gut, weil deutliche Mehreinnahmen winken. Andererseits würde die Reichweite durch die Bezahl-Schranke der Abo-Plattformen deutlich limitiert werden, was für Sportarten, die noch um Akzeptanz, aktive Mitglieder und Nachwuchs kämpfen, einen klaren Rückschritt bedeuten würde.

Geld gegen Fans?

Die Fußball Bundesliga macht´s vor: Durch die Montagsspiele können immer mehr Fans vor den TV Geräten die Begegnungen verfolgen – dafür herrscht in den Stadien entweder gähnende Leere oder breiter Unmut. Wohin das führen soll? Die Fans könnten die Spiele boykottieren und zu Hause bleiben. Dann wären die Stadien leer, die Stimmung weg und die Atmosphäre zerstört – oder?

Wenn wir eins aus der Corona-Krise gelernt haben, dann, wie gut man durch moderne Technik Fan-Gesänge künstlich einspielen kann, um den Zuschauern zu Hause ein authentischeres Stadion-Feeling zu vermitteln. Nur noch eine Frage der Zeit, bis so eine künstliche Korrektur auch im optischen Bereich umsetzbar ist und die Ränge für den TV-Zuschauer ausverkauft aussehen, obwohl im Stadion nichts los ist. Sind Fans also bald überflüssig, so lange die Einschaltquoten stimmen, weil der TV-Zuschauer monetär mehr Wert ist, als der Fankurven-Dauerkartenbesitzer?

Die Clubs stecken geringere Einnahmen aus dem Ticketing locker weg, wenn die Gelder für Übertragungsrechte mehr monetarisiert werden können. Die Fans haben somit keine Macht mehr und sind für die ökonomisch denkenden Clubs und Medien höchstens noch ein Sahnehäubchen. Traurige Entwicklung? Ja. Geist der Zeit getroffen? Leider auch ja. Zeit, bis es so weit ist? Hoffentlich noch lange hin.

2 Kommentar

  1. Geiler Text mit vielen interessanten Fakten. Ich finde aber, dass es auch positive Seiten gibt. Übergewichtige Menschen sehen durch die Inszenierung der Spitzensportler die Erwartungen an körperliche Fitness und neue Schönheitsideale. Das motiviert schließlich auch, selbst mehr Sport zu machen 😉

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