Volleyball Bundesliga: Schlusslicht der Big-Five

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Das Schlusslicht der Big-Five-Ligen in Deutschland ist die Volleyball Bundesliga (VBL). Die Vereine krebsen am Existenzminimum herum während die VBL alles versucht, um den Anschluss zu Handball, Basketball und Co. nicht zu verlieren. In diesem Beitrag geht es darum, wo die VBL aktuell steht, welche Potentiale sie ungenutzt lässt und was die Professionalisierung für die Clubs bedeutet.

Fakten-Check: Profi-Volleyball in Deutschland

Die VBL wird als Schlusslicht der Big-Five-Ligen in Deutschland gehandelt. Die wichtigsten Kennzahlen nehme ich im Fakten-Check genau unter die Lupe und vergleiche sie mit anderen Ligen, die vermeintlich erfolgreicher sind, als die VBL.

Kräftemessen nach Umsatz

Eine oft genutzte Größe bei solchen Vergleichen ist der Umsatz der Clubs. Der Umsatz gibt Auskunft darüber, wie viel finanziellen Aufwand die Clubs betreiben (können), um ihren Spielbetrieb durchzuführen, das Management zu versorgen oder Mieten zu bezahlen. Ganz grob kann man sagen, dass sich aus dem Umsatz ableiten lässt, wie umfangreich und professionell ein Club agieren kann.

Die meisten Statistiken sind aber mit etwas Vorsicht zu genießen. Sie addieren einfach die Umsätze aller Clubs einer Liga und lassen außer Acht, dass in den Ligen unterschiedlich viele Mannschaften spielen. In der ersten Volleyball Bundesliga treten z.B. grade mal 12 Mannschaften gegeneinander an, während sich beim Fußball 18 Teams miteinander messen. Aussagekräftiger erscheint somit die Betrachtung des durchschnittlichen Umsatzes pro Club einer Liga. Mal schauen, wer den Längsten hat…

Wow. Das kann man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen. Ein drittklassiger Fußballverein setzt im Schnitt mehr als 8x so viel um, wie einer der erfolgreichsten Volleyball-Vereine in Deutschland. Acht mal, Leute! Wenn tatsächlich nur Geld die Welt regiert, versteht man jetzt auch, warum die Medien lieber KFC Uerdingen gegen die Würzburger Kickers als die Berlin Recycling Volleys gegen VfB Friedrichshafen zeigen. Und das sage ich mal ganz bewusst ohne Wertung.

Professionalisierung durch Manpower

Als nächstes elementares Kriterium schauen wir uns mal die Anzahl der hauptamtlichen Mitarbeiter an. Wer personelle Ressourcen hat, um sich um Sponsorenakquise, Medienarbeit und Co. zu kümmern, erhält im Umkehrschluss auch mehr Output im jeweiligen Bereich.

Aus diesem Grund hat die VBL in ihrem Masterplan seit der Saison 2016 / 2017 festgelegt, dass die Vereine in den ersten Ligen ab dem 5. Jahr Ligazugehörigkeit mindestens 3,0 hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigen müssen – ansonsten drohen ihnen empfindliche Geldstrafen. Für die Vereine bedeutet das eine Mammut-Aufgabe, die nur durch große Anstrengungen erreichbar ist.

Ohne festangestellte Mitarbeiter stehen die Vereine vor großen Problem. Die Volleyball Bundesliga schreibt ihren Vereinen die Anzahl der festangestellten Mitarbeiter im Masterplan vor.

Leider ist es nicht Usus, dass die Clubs der Profiligen die Anzahl ihrer hauptamtlich beschäftigten Mitarbeiter offenlegen. Hier aber ein paar Beispiele

Breite Basis im Volleyball

So schwach der Volleyball im Profibereich ist, so stark ist er in der Basis. Die Mitgliederzahlen beweisen: Für sportlich Aktive ist Volleyball ein beliebter Breitensport in Deutschland. Beliebter als Basketball und Eishockey zum Beispiel.

Im Breitensport liegt der Volleyball im Mittelfeld der Big Five Ligen.

Offensichtlich gelingt es der VBL nicht, die bestehende Begeisterung für ihren Sport vom Amateur- auf den Profibereich zu transferieren. Andere Sportarten beweisen: wo Fans sind, sind Medien, wo Medien sind, sind Sponsoren und wo Sponsoren sind, ist Geld. Warum passiert das nicht im Volleyball?

Ungenutztes Potential im Frauen-Bereich

Der Volleyball birgt noch mehr ungenutztes Potential. In keiner anderen Sportart liegen die männliche und die weibliche Profiliga in Bezug auf ihre wirtschaftlichen Kennzahlen so eng beieinander, wie im Volleyball. Klar, man kann jetzt mit dem Theken-Argument „Sex sells“ und den kurzen Volleyball-Höschen kommen. Die Wahrheit liegt aber tiefer.

Wenn bei den Männern im Profibereich ein Aufschlag halbwegs akzeptabel angenommen wird, der Zuspieler seine Arbeit ordentlich macht und der Angreifer den Ball richtig erwischt, knallt der Ball mit 120 km/h und mehr ins Feld und lässt die Verteidiger chancenlos. Bei den Damen ist meistens nicht so viel Power hinter dem Angriffsschlag, die Verteidigung kann den Ball annehmen und den Angriff erwidern. Das sorgt für signifikant längere Ballwechsel, die der Zuschauer als spannend empfindet.

Lange Rede, kurzer Sinn: Im Volleyball ist der Frauen-Sport für Zuschauer mindestens genauso attraktiv wie der Herren-Sport. Das können nicht viele Sportarten von sich behaupten. Bringt das Vorteile mit sich? Allerdings!

Idolen nachzueifern, ist eins der wichtigsten Motive vieler Fans. Stehen, anders als zum Beispiel im Fußball, auch die Frauen im Rampenlicht, wird das ohne Zweifel auch mehr weibliche Sportfans zur Folge haben. Eine Zielgruppe, die für andere Sportarten keine große Rolle spielt und deshalb extrem viel Potential hat.

Hinzu kommt, dass die Clubs der Frauen in Städten mit relativ großen Einwohnerzahlen liegen. Das begünstigt das Zuschauerpotential und damit die Ticket-Erlöse, was für die Vereine einen wichtigen Baustein der Gesamtfinanzierung ausmacht.

Besonders im Frauen-Bereich kann der Volleyball punkten.

Image, Image, Image

Papa, warum heißt bei den Gegner jeder Spieler Arschloch mit Nachnamen?“ Wer keine Lust hat, sich solchen Fragen zu stellen, nimmt sein Kind lieber nicht mit ins Fußball-Stadion. Dort geht´s halt schon mal ruppiger zu und das ist nicht immer familientauglich. Spieler und Funktionäre werden beschimpft oder es wird ihnen öffentlich gedroht, Fangruppen geraten aneinander und prügeln sich oder verspotten sich gegenseitig mit Fangesängen.

Betritt man eine Arena, in der Volleyball gespielt wird, komm man in eine komplett andere Welt. Alleine der Claim der Liga „Home of respect“ ist bezeichnend für das, was hier gelebt wird. Fans verschiedener Clubs kennen sich untereinander und begrüßen sich herzlichst. Die Atmosphäre ist wie bei einem Klassentreffen. In Aachen, bei den Ladies in Black, ist es sogar Usus, dass Spielerinnen, die früher den Aachenerinnen angehörten und dann zur Konkurrenz gewechselten sind, namentlich begrüßt und vom Publikum gefeiert werden. Das Auswärts-Team bekommt für sportlich gelungene Aktionen genauso Applaus, wie die Heimmannschaft und am Ende klatschen beide Teams mit den Fans ab und feiern eine Humba zusammen. Was wohl passieren würde, wenn der Kader des BVB sich nach dem Spiel in die Schalker Nordkurve begeben würde?

Betrachtet man erneut den Sport als solchen, ist durch das Netz in der Mitte die Grundvoraussetzung für viel mehr Fairness gegeben. Es gibt weniger Möglichkeiten, der gegnerischen Mannschaft körperlich zu schaden und sie aktiv zu verletzen. Nur die Spielführer/innen einer Mannschaft sind berechtigt, mit den Schiedsrichtern zu kommunizieren. Es gibt also auch viel weniger Diskussionen. Man kann sagen: Der Sport ist fairer. Das bildet die Grundlage für „Home of respect“ und wird von den Fans 100% mitgelebt.

…nur leider weiß der Rest von Sport-Deutschland nichts von all dem.

Was läuft schief im Volleyball?

Eine kurze Zusammenfassung: Volleyball ist eine Sportart, in der Damen- und Herrensport gleichermaßen attraktiv und beliebt sind. Obwohl es weitaus mehr aktive Breitensportler im Volleyball, als in anderen Sportarten gibt, sind die Profi-Clubs wirtschaftlich und infrastrukturell im Vergleich mit den anderen großen Ligen weit abgeschlagen. Das passt doch irgendwie nicht zusammen, oder?

Abstrahieren wir das Ganze mal: der Sport braucht Geld von der Wirtschaft, die Medien wollen Inhalte vom Sport, die Wirtschaft will über die Medien zu den Fans. In der Theorie eine win-win-win Situation, da jeder von den anderen abhängig ist und jeder das bekommt, was er will. Warum klappt das nicht im Volleyball?

Masterplan mit Konfliktpotential

Im Volleyball prallen traditionelle Vereinsstrukturen auf die Anforderungen der VBL. Wo vorher selbstgebackener Kuchen verkauft wurde, sollen heute LED Banden stehen. „Das haben wir schon immer so gemacht“ gegen den Masterplan der VBL. Die Massen vor den Endgeräten wollen keine Turnhallen-Atmosphäre, sondern Profi-Sport in Ultra-HD. Versucht man das mit den traditionellen Vereinsstrukturen zusammenzubringen, sind Konflikte vorprogrammiert.

Schaut man sich den Masterplan der Liga genauer an, gibt er fünf zentrale Ziele für die Clubs vor:

  1. Das Hauptamt ausbauen
  2. Die Spiele als Events inszenieren
  3. Das öffentliche und mediale Interesse steigern
  4. Vermarktungserlöse steigern
  5. Bewegtbildrechte monetarisieren

 

Klingt erstmal alles gut und bedient viele der angesprochenen Baustellen. Die Frage, die bleibt: Wer solls bezahlen? Wenn ein Verein in der Liga mitspielen will, reicht der sportliche Erfolg alleine nicht aus. Alle Clubs müssen sich an die Anforderungen im Masterplan halten, sonst drohen empfindliche Strafen. So will die VBL erreichen, dass die Vereine mitziehen und das Niveau einheitlich sukzessive steigern. Davon erhofft sich die Liga, dass die Medien größeres Interesse an der Sportart entwickeln, Sponsoren mehr Geld für mehr Reichweite ausgeben und der Sport am Ende profitiert.

Die Vereine haben aber oft mehr als genug mit sich selbst zu kämpfen. 50.000€ für ein LED-Banden-System mag für einen Fußballverein ein Witz sein. Für einen Volleyballverein bedeuten 50.000€ Mehrkosten vielleicht schon das finanzielle Aus. Theorie und Praxis liegen also meilenweit voneinander entfernt und prallen aktuell aufeinander. Das sorgt für Probleme in Form von Insolvenzen und Zwangsabsteigern. In der Saison 18/19 konnte erstmals ein Platz in der 2. Volleyball-Bundesliga, die ebenfalls im Masterplan erfasst ist, nicht besetzt werden, da es keinen Verein in Deutschland gab, der die Anforderungen erfüllen konnte.

Muss das sein?

Das ist jetzt die Stelle, an der es oft weder weiß noch schwarz gibt und man nach Abwägung von ein paar Argumenten bei einer Kompromiss-Lösung landet. Die könnte in diesem Fall so aussehen, dass man die Professionalisierung langsamer und für die Vereine schonender vorantreibt, als die VBL es aktuell tut. Aber kann es das Interesse aller Beteiligten sein, dass der Abstand zwischen den Ligen noch größer wird? Damit würde der Volleyball sich sein eigenes Grab schaufeln und im Nirvana der Randnotizen von Lokalzeitungen verschwinden. Die Vereine vor schwierige Aufgaben zu stellen und mit der Brechstange zu versuchen, die Prozesse, die zur  Professionalisierung beitragen, zu beschleunigen, ist zwar ein drastischer, aber der einzige Weg, der zum Erfolg führt. Vorausgesetzt, dass „Erfolg“ hier Professionalisierung bedeuten soll.

Optimierungspotential besteht hingegen zwischen der Zusammenarbeit von VBL und DVV. Ein Verband, der so viele aktive Mitglieder hat, und von der Basis bis in die Spitze ein Image pflegt, das die Kern-Werte des Sports besser verkörpert, als jede andere Sportart in Deutschland, kann doch nicht so sang- und klaglos untergehen! Hier schlummert Potential, das bisher ungenutzt geblieben ist.

Wenn die VBL es schafft, ihr lupenreines Image zu nutzen und ihre Präsenz, besonders im Frauenbereich im Free-TV weiter auszubauen, lassen sich mit dieser Steigerung der Reichweite auch die Erlöse aus dem Sponsoring erhöhen. Mit dem zusätzlichen Budget können die Vereine in ihre Professionalisierung investieren, werden dadurch interessanter für die Medien und bringen sich selbst in eine Position, aus der sie irgendwann auch Medienrechte monetarisieren können, um den Anschluss an die anderen Ligen weiter zu verkürzen.

Wenn die richtigen Leute an den richtigen Positionen bleiben, liegt eine spannende Entwicklung vor der VBL. An Potential und Möglichkeiten mangelt es jedenfalls nicht.

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