Customer Engagement Value: Der entscheidende KPI, den Sportorganisationen immer noch ignorieren

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Der blinde Fleck des Sportbusiness

Im globalen Sportbusiness wird seit Jahren über Monetarisierung, Streaming-Rechte, digitale Touchpoints und neue Ligen diskutiert. Doch eine Frage, die über Erfolg oder Misserfolg von Clubs, Ligen und Verbänden entscheidet, bleibt erschreckend oft unbeantwortet:

Wie viel ist ein Fan wirklich wert?

Viele Organisationen glauben, diese Frage beantworten zu können – mit Umsatzdaten, Merch-Zahlen oder Ticketing-Reports. Die Realität?
Sie sehen nur die Spitze des Eisbergs.

Die aktuelle Forschung zeigt eindeutig:
Clubs unterschätzen den wahren Fan-Wert systematisch – und verlieren damit Millionen.
Der Grund ist ein struktureller: Das Sportbusiness bewertet Fans traditionell zu eindimensional. Während Konzerne wie Amazon, Starbucks oder Netflix seit Jahren mit Customer Lifetime Value (CLV) operieren, bleibt der Sport beim rein finanziellen Blick stehen.

Eine aktuelle Dissertation aus Brasilien zeigt jedoch: Das reicht bei weitem nicht aus. Fans schaffen Wert über vier Dimensionen – und nur eine davon ist Geld.

Es wird Zeit, dass die Branche aufwacht.

1. CLV reicht nicht: Warum der Sport eine neue Metrik braucht

Der Customer Lifetime Value (CLV) ist im klassischen Marketing die Königskennzahl. Er misst, wie viel ein Kunde im Laufe seines Lebens ausgibt.

Im Sport funktioniert das nur bedingt.
Warum?

Weil Fans keine normalen Kunden sind.

  • Sie „wechseln“ ihr Team nicht.
  • Sie konsumieren irrational.
  • Sie kaufen nicht wegen des Preises, sondern wegen Identität.
  • Sie investieren, obwohl der „Output“ unplanbar ist.

Und: Ein Fan erzeugt Wert, lange bevor er ein Trikot kauft – und lange nachdem er aufhört, ins Stadion zu gehen.

Die Dissertation argumentiert zurecht:
Der wahre Wert eines Fans ist multidimensional – und muss auch so gemessen werden.

Das Modell heißt Customer Engagement Value (CEV).
Es besteht aus vier Bausteinen:

  1. Customer Lifetime Value (CLV) – das, was Fans direkt ausgeben
  2. Customer Referral Value (CRV) – das, was Fans durch Empfehlungen erzeugen
  3. Customer Influencer Value (CIV) – das, was Fans durch Reichweite erzeugen
  4. Customer Knowledge Value (CKV) – das, was Fans durch Feedback und Co‑Creation erzeugen

Wer nur den CLV misst, arbeitet mit 25 % der Wahrheit.

2. CRV: Die unterschätzte Macht der Weiterempfehlung

Referral Value klingt nach Marketing 1×1 – im Sport hätte diese Dimension aber Sprengkraft.

Warum CRV so wichtig ist:

  • Die allermeisten Fans wurden nicht „geworben“, sondern sozial geprägt (Familie, Freunde, Umfeld).
  • Ein einziger überzeugter Fan bringt langfristig neue Fans in das System.
  • Diese Weiterempfehlungen passieren ohne Incentive – und wären doch messbar.
  • Ein Fan kann zwei, fünf oder zwanzig neue Fans „generieren“ – ein Multiplikatoreffekt, den kaum ein Club quantifiziert.

Kleinere Clubs könnten CRV nutzen, um zielgerichtet wachsende Communities aufzubauen.
Größere Clubs könnten CRV als Grundlage nutzen, um Sponsoren präzisere Reichweitenmodelle zu liefern.

Doch die Frage bleibt:
Warum gibt es im Fußball keine professionellen Referral‑Programme, obwohl sie in anderen Branchen Millionen wert sind?

Die Wahrheit ist unbequem:
Clubs wissen nicht, wie sie sie messen sollen – also ignorieren sie sie.

3. CIV: Fans als unbezahltes, hochwirksames Marketingteam

Jeder Sportfan ist ein Kommunikationskanal.
Manche sind Stadionbesucher.
Manche sind Ultras.
Manche sind Twitter‑Maschinen mit 4.000 Followern.
Manche sind TikTok‑Creator.
Manche sind stille Multiplikatoren in ihrem Freundeskreis.

Ihr ökonomischer Wert?
In der Regel: null.

Oder jedenfalls: nicht gemessen.

Dabei liegt hier einer der größten Hebel überhaupt:

  • Ein Fan, der seinen Ärger über den neuen Linksverteidiger auf Social Media rauslässt, beeinflusst hunderte andere.
  • Ein Fan, der stolz seine neue Dauerkarte postet, generiert Reichweite, die Sponsoren klimpernde Herzen in die Augen schießen lässt.
  • Ein Fan, der „seinem Verein“ auf LinkedIn Expertise schenkt, wirkt imagebildend, glaubwürdig, authentisch.

Die Dissertation zeigt:
CIV ist oft mehr wert als CLV.

Vor allem im Zeitalter der Plattformökonomie, in dem Content und Reichweite härtere Währungen sind als viele Sponsoring-Logos.

4. CKV: Fans als Co‑Creator, nicht als Konsumenten

Der vierte Wert ist der am meisten unterschätzte – und gleichzeitig der wertvollste:

Customer Knowledge Value (CKV)

Fans liefern jeden Tag kostenlos:

  • Feedback zu Produkten
  • Hinweise zu digitalen Angeboten
  • Wünsche und Bedürfnisse
  • Verbesserungsvorschläge
  • Frühwarnsignale bei Fehlentscheidungen
  • Stimmungsindikatoren

Clubs, die diese Insights strategisch nutzen, können:

  • Merchandise verbessern
  • Stadionerlebnisse optimieren
  • digitale Erlebnisse designen
  • Preise dynamisch gestalten
  • Sponsoring-Relevanz erhöhen
  • Krisen schneller managen

Doch Achtung: Fan-Feedback ist emotional – manchmal unstrukturiert, manchmal überdreht.
Aber: Es ist ehrlich.
Und in einer Branche, die fast ausschließlich auf Emotionen basiert, ist Ehrlichkeit ein Wettbewerbsvorteil.

Analysiert man CKV intelligent, entsteht ein datengestütztes Verständnis der Fanbase, das Sponsorings, Ticketing und Content-Strategien maßgeblich beeinflusst.

5. Warum Clubs diese KPIs bisher ignorieren

Die Forschung zeigt deutlich:
Es fehlt nicht am Wissen.
Es fehlt nicht an Daten.
Es fehlt nicht an Technologie.

Es fehlt am Mindset.

Die meisten Sportorganisationen tappen in drei Fallen:

Falle 1 — Fokus auf kurzfristige Erlöse statt langfristigen Fanwert

Ticketing statt Treue.
Merch statt Community.
Sponsoring statt Beziehung.

Falle 2 — Fehlende Datensilos und mangelnde Integration

Daten liegen in 50 Systemen statt in einem „Golden Fan Record“.

Falle 3 — Die Annahme: “Fans bleiben sowieso.”

Stimmt – aber Fans konsumieren nicht automatisch.
Ein Fan kann loyal, aber inaktiv sein.
Und ein inaktiver Fan erzeugt keinen Wert.

6. Was moderne Sportorganisationen jetzt tun müssen

Basierend auf den Erkenntnissen der Dissertation lässt sich ein klares Playbook formulieren:

🔹 1. CEV als zentrale Steuerungsgröße etablieren

Nicht CLV, nicht Fanwert „gefühlt“, sondern ein multidimensionales Modell.

🔹 2. Fan-Daten sinnvoll integrieren

Ein System, eine Sicht, ein Datensatz – wie der FC Bayern mit seinem Golden Fan Record.

🔹 3. Influencer-Fans identifizieren und aktivieren

Nicht nur Creator:
Auch „normale“ Fans haben Einfluss.

🔹 4. Referral-Programme entwickeln

Von Vorteilsprogrammen bis hin zu Community-Mechaniken:
Der Multiplikator-Effekt ist enorm.

🔹 5. Feedback ernst nehmen – und systematisch analysieren

CKV operationalisieren:
Fan-Foren, Surveys, Data Mining, Social Listening.

🔹 6. Sponsoring auf CEV-Daten umstellen

Der Wert liegt nicht in Logos, sondern im Zugang zu identifizierbaren Segmenten.

7. Fazit: Der KPI, der das Sportbusiness revolutionieren wird

Wer das Sportbusiness 2030 verstehen will, muss eine Wahrheit akzeptieren:

Fans sind kein Umsatzkanal – sie sind ein Wertschöpfungssystem.

Die Forschung belegt eindeutig:
Sportorganisationen, die CEV statt CLV messen, verstehen ihre Fans tiefer, monetarisieren sie intelligenter und stehen wirtschaftlich stabiler da.

Und sie haben etwas, das viele Clubs verloren haben:
Ein echtes, datengestütztes Verständnis dafür, was Fans wollen, fühlen und wert sind.

Tags: / Kategorie: Essay

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